Das Ultimative Network!

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Endlich ist es da – und das fast schon täglich: Das Network-Unternehmen, auf das in Deutschland schon Hundertausende von Networkern sehnsüchtig gewartet haben! Die Erlösung begrüßt uns euphorisch sobald wir unseren Computer hochgefahren und das E-Mail-Programm beauftragt haben, die elektronische Post abzuholen:

„Der Hammer – jetzt einsteigen“ lesen wir da in der Betreffzeile. „Sichern Sie sich jetzt Ihre Position“, fordert uns da die nächste Nachricht auf „…bevor es andere tun!“ und erzeugt in uns dieses mulmige Gefühl von Verlustangst, das sich immer einstellt, wenn wir fürchten etwas unwiderbringlich zu verpassen. Timing – davon haben wir schon gehört. Ist es nicht tatsächlich so, dass nur derjenige ganz groß rauskommen kann, der früh genug bei einer neuen Network-Marketing-Firma einsteigt?

Die auf diese Weise geschickt geschürte Furcht, wir könnten wieder einmal zu den Loosern gehören, diesen Deppen, die immer zu spät kommen, lässt uns vergessen, wie viele neue Unternehmen auch schnell wieder vom Markt verschwinden.

Das folgende Mail ist nicht dazu geeignet, uns diesbezüglich zu beruhigen. „Ein Koloss betritt die Bühne!“ brüllt uns da die Titelzeile an. Schon empfinden wir fast körperlich, wie wir von diesem Mega-Unternehmen buchstäblich zermalmt werden und unsere gerade begonnene, noch ziemlich mickrige Karriere im Network-Marketing brachial in den Staub getrampelt wird. Rettung ist nur möglich, wenn wir uns sofort dem unaufhaltsam heranwalzenden Mega-Unternehmen anschließen, neben dem zukünftig natürlich kein Überleben möglich sein wird. Wie konnten wir Tölpel uns nur für das chancenlose Unternehmen entscheiden, in dem wir derzeit unsere Kraft vergeuden?

Das wird uns zukünftig nicht mehr passieren, denn im nächsten Email werden wir auf eine ganz spannende Internetseite gelockt. Dort verspricht ein wirklicher Erfolgsmensch, auch uns endlich so stinkend reich zu machen, dass uns jeden Tag unser Sparkassendirektor anruft und bittet, etwas Geld abzuholen, weil unser Konto wieder einmal überläuft. Es ist schier unmöglich, sich dem hypnotischen Charisma dieser Person zu entziehen. Alleine schon, wie sie uns da auf dem Foto sonnengebräunt anstrahlt, die Oakley-Sonnenbrille ins gegeelte Haar geschoben, den Arm mit der Gold- und Brilli-Rolex lässig auf den Tuner-Benz gestützt hinter dem man schemenhaft einen südlichen Yachthafen erkennen kann. Einfach cool, der Typ! Hätten wir selbst doch nur einen winzigen Hauch davon! Macht aber nix, denn er will uns ja uneigennützig helfen. Wenn wir uns unter die Fittiche eines solchen Siegers begeben, so lesen wir, dann lernen wir den Königsweg zum Erfolg kennen. Im Kielwasser eines solchen Stars, können auch wir ganz nach vorne schwimmen. Warum haben wir uns nur mit einer solchen Null wie unserem bisherigen Sponsor einlassen? Waren wir blind, oder was? Die Uhr aus Japan, das Auto aus Korea, der Anzug von der Stange und das Charisma einer nassen Nudel – das konnte ja nichts werden!

Aber das war’s noch lange nicht – im Postfach warten noch ganz andere Verheißungen. „Endlich Schluss mit der ganzen Quälerei – machen Sie Millionen vom Schreibtisch aus!“ verspricht die Kopfzeile der nächsten Nachricht. Das ist gemein, handelt es sich doch um einen gezielten, direkten Angriff auf unsere allerniedrigsten Instinkte! Faul sein, daheim sitzen bleiben und reich werden. Phänomenal, genau das ist es! Wir sind fas-sungslos. Warum hat uns das niemand früher angeboten?

Wenn man da jetzt an all die mühsamen Rekrutierungsgespräche und Kundenbesuche denkt, wird einem richtig schlecht. Da ist man tausende von Kilometern über Autobahnen und Landstrassen geschrubbt, um Leuten stundenlang Geschäftsidee und Produkte zu erklären, Präsentationen abzuhalten, Schulungen durchzuführen – und jetzt das! Was müssen wir bloß für Idioten gewesen sein?

Dabei hätten wir uns nur via Internet diesem genialen Auto-Recruiting-System anschließen, ein paar hundert läppische Dollars hinblättern und mit einigen Mausklicks vorformulierte Massen-Emails quer über den Globus schießen müssen, alles vom gemütlichen Home-Office aus. Den Rest hätte der Business-Building-Roboter erledigt und uns binnen weniger Wochen eine weltweite Downline von mehrerern hundertausend Vertriebspartnern beschert. Der sich dadurch unweigerlich einstellende Dollar-Segen wäre praktisch nicht mehr zu verhindern – dafür garantiert schließlich diese renommierte Bank auf der karibischen Insel, dem traditionellen Stammsitz aller vertrauenswürdigen Institute. Das alles würde sozusagen halbautomatisch geschehen, ohne dass wir einen Finger krumm machen brauchten – und natürlich steuerfrei.

Und wir Ignoranten haben jahrelang geglaubt, Erfolg hat auch etwas mit Fleiss zu tun. Wie grausam ist doch, erkennen zu müssen, dass die anderen wieder einmal schlauer waren.

Trost finden wir dann glücklicherweise in der nächsten Email in unserem elektronischen Eingangskorb. Da werden wir darüber aufgeklärt, dass es eben doch noch wirklich gute Menschen gibt. Wahrhaft edle Wesen sind das, die diesen Planeten dadurch besser machen, dass sie sich gegenseitig etwas schenken. Endlich gibt es Hoffnung.

Network-Marketing war gestern, heute beschenken wir uns! Geht uns da nicht das Herz auf? Darum führt diese selbstlose Vereinigung von Freunden, die sich uns da per Mail vorstellt, wohl auch den Begriff „Herz“ im Namen. Mehr könne man an dieser Stelle aber nicht sagen, nähere Informationen gibt es dann auf dem geheimnisvollen Treffen des „Schenkkreises“, zu dem wir eingeladen sind.

Falls wir auch schenken und in der Folge auch reich beschenkt werden wollen, sollten wir doch einfach vorbeikommen. Soviel Uneigennutz treibt uns natürlich die Schames-röte ins Gesicht. Was sind wir bisher doch nur für schäbige, selbstsüchtge Parasiten gewesen, die ihr sauer verdientes Geld einfach behalten wollten! Kein Wunder, dass uns mit dieser Einstellung der große Reichtum bisher versagt blieb. Aber das wird ja jetzt anders – schenken statt arbeiten, heißt das neue Motto. Aber was ist, wenn die Beschenkten mit der Kohle einfach abhauen und das zurückschenken vergessen? Aber das sind destruktive Gedanken, die man als grundsätzlich positiv eingestelltes Wesen nicht zulassen darf…

Würden wir all die Heilsversprechen, mit denen uns die lieben Network-Kollegen das Email-Postfach kontamnieren ernst nehmen, bliebe nur eine Schlussfolgerung übrig: Ausgerechnet wir sind beim falschen Unternehmen, bei der falschen Organisation oder zumindest beim falschen Sponsor gelandet.Das Kuriose an solchen unverhohlenen Abwerbungsversuchen ist ja, dass die Abwerbung selten gelingt, leider aber oft die Unzufriedenheit der Abzuwerbenden mit ihrem eigenen Unternehmen schürt und den Zweifel nährt: Vielleicht ist das Gras auf der anderen Seite des Zauns doch grüner?

Gibt es das ultimative Network-Marketing-Unternehmen also doch? Gibt es die Firma, die Organisation, die uns einfach durch ihr „geniales System“, die magischen Fähigkeiten ihrer „Führungskräfte“ mühelos nach oben spült, tatsächlich? Hat das alles eigentlich dann mit uns gar nichts mehr zu tun? Offensichtlich brauchen wir nur die richtige Firma, den passenden Sponsor, den einmaligen Marketing-Plan und das unwiderstehliche Vergütungssystem – dann geht alles wie von selbst.

Das Erheiternde daran ist ja, dass es in jedem Network-Unternehmen die Stars gibt, von denen die ganze Mannschaft redet, jene Top-Leute, die mit ihren fetten Provisionsschecks und einem entsprechend feudalen Lebensstil von allen anderen, die noch nicht so weit sind, als Beweis für das Funktionieren des Systems aufgezählt werden.

Glaubt man den Autoren der Werb-Mailings, dann kann das eigentlich gar nicht sein, weil es doch nur das eigene ultimative Unternehmen ermöglicht, erfolgreich zu werden. Was ist da schief gelaufen? Wie kann es sein, dass jemand in jener anderen Firma, diesem lausigen Mistladen mit den lächerlichen Produkten, dem völlig ungerechten Karriereplan und der inkompetenten Geschäftsleitung trotzdem so erfolgreich ist? Ein Unfall also?

Ob in der Anzeigenwerbung oder im Werbe-Email, ob auf dem Flugblatt oder auf der Internetseite, die eigentlichen Gründe für den Erfolg werden nur selten erwähnt, denn Sie haben weniger mit dem Unternehmen oder dem System zu tun, als mit der Person, die das Geschäft aufbaut.

Es ist nun einmal eine Menge Arbeit, die zu tun ist, eine Menge Ängste, die zu überwinden, eine Menge Enttäuschungen, die hinzunehmen, eine Menge Rückschläge, die zu ertragen sind, bis das große Ziel erreicht ist. Dazu braucht es Mut und Fleiß – und beides sind keine besonders populären Tugenden in einer Zeit, die den schnellen, mühelosen Instant-Erfolg liebt.

Es wird also weiter übertrieben, angegeben, geprotzt und gelogen werden, denn es gibt nach wie vor genügend Leute, die so etwas hören und sehen wollen. Klingt ja auch so gut! Vielleicht sollten wir einfach den Spam-Filter in unserem Email-System aktivieren und uns auf die Arbeit konzentrieren, die getan werden muss. Klingt nicht so lecker, macht aber wirklich erfolgreich.

Beitrag aus der Netcoo 08/ 2005 mehr über den Autor unter https://www.strachowitz.com/

Bild: Fotolia.com

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