Filmriss? Sicher auf der Bühne

Personality   ●   Veröffentlicht von Netcoo Redaktion    ●   

Erfolgreiche Redner rechnen stets damit, dass ihnen einmal der Film reißt. Sie beherrschen aber auch Strategien, diese schwierige Situation zu meistern. Im Augenblick der Denkblockade haben Sie etwas verfügbar, das ihnen nicht nur in diesem Moment weiterhilft. Allein das Wissen um diese Strategien mindert die Angst vor dem Stecken bleiben generell.

„Die meisten unserer Fehler sind verzeihlicher als die Mit­tel, die wir anwenden, um sie zu verbergen.“ La Rochefoucauld

Eine Bühne spielt Schillers Don Carlos. Im fünften Akt spricht Marquis Posa im Gefängnis des Prinzen seine letzten Worte: „Das Königreich ist dein Beruf, für dich zu sterben ist der meinige!“ In diesem Augenblick soll aus dem Hintergrund der tödliche Schuss fallen, mit dem König Philipp den Marquis Posa ermorden lässt. Aber der Schuss fällt nicht, ver­mutlich wegen eines Versehens hinter den Kulissen. Marquis Posa wiederholt gedehnt und schwermütig: „… ist der meinige!“ Aber der Schuss fällt noch immer nicht. Da weiß sich der Schauspieler nicht anders zu helfen, er schlägt die Fäuste auf den Bauch und ruft: „Ich spür’s ich bin vergiftet“ und bricht zusammen. In die­sem Augenblick fällt doch der Schuss. „Auch das noch!“ ruft Marquis Posa und gibt den Geist auf.

Der englische Politiker Loyd George hielt einmal in Wales in ei­nem überfüllten Saal eine Wahlrede. Plötzlich verlor er den Faden. Blackout. Geistesgegenwärtig hob er die rechte Hand, zeigte mit ihr in die Gegend, um dann, nach langen zehn Se­kunden seine Rede fortzuführen. Nachher kam einer seiner Parteifreunde zu ihm und sagte: „Du, eine so wirkungsvol­le Pause habe ich noch nie in einer Rede erlebt. Kein Mensch wusste was kommen würde… „. Trocken antwortete Loyd George: „Ich auch nicht.“ Für die Redepraxis bedeutet das: Das Missgeschick ist kein Missgeschick, erst die falsche Reaktion macht es dazu!

Am Rednerpult kann es immer passieren, dass „der Film reißt“. Dann muss man sich nur zu helfen wissen. Fol­gen­de sechs Tipps helfen, „den Film wieder zu kleben“ – schnell und unauffällig, aber bombensicher:

1. Das geplante Argument später bringen

Nur Sie allein wissen, was in Ihrem Manuskript steht. Nur Sie wissen, welcher Gedanke als nächster kommen müsste. Warum jetzt also krampfhaft nach dem nächsten Argument suchen? Warum eine peinlich lange Pause entstehen lassen? Reden Sie weiter! Gehen Sie zu dem Argument über, das Ihnen als nächs­tes einfällt. Während Sie jetzt weiterreden, haben Sie Zeit zu überlegen und im Manuskript nachzuschauen. Später tragen Sie das Argument nach. Das kann dann sehr spontan klingen, z. B. „Da fällt mir, meine Damen und Herren, noch etwas ein zu dem vorher Gesagten. Beinah hätte ich es vergessen, es ist aber sehr wichtig für Sie….“

2. Das geplante Argument ganz weglassen

Angenommen, Sie haben fünf oder sechs Argumente vorberei­tet, die für Ihre Sache sprechen. Was macht es da aus, wenn ein Argument wegfällt? Vielleicht können Sie damit in der anschließenden Diskussion sogar besonders glänzen.

3. Den zuletzt gesagten Satz mit besonderem Nachdruck wiederholen

Auch bei einer totalen Denkblockade haben Sie den zuletzt gesagten Satz noch in Erinnerung. Und den wiederholen Sie. Wortwörtlich oder leicht verändert. Er muss nicht wichtig sein. Durch die Wiederholung wird er für Ihre Zuhörer wichtig. Wäh­rend Sie ihn jetzt wiederholen, haben Sie wertvolle Zeit gewonnen, in Ihr Manuskript zu schauen und das nächste Stichwort zu suchen.

4. Das bisher Gesagte kurz zusammenfassen

Bevor wir weiter fortfahren, fasse ich unsere bisheri­gen Überlegungen kurz zusammen. Erstens… zweitens… drittens…“. Zuhörer sind für solche Wiederholungen dankbar­. Und Sie haben während dieser Stegreifwiederholung viel Zeit, den „roten Faden“ wieder aufzunehmen.

5. Kurze, wirkungsvolle Pause einlegen

„Komisch“, wundern sich Teilnehmer bei Rhetorikseminaren immer wieder, wenn sie ihre mit dem Videorecorder aufgezeichneten Redeübungen am Bildschirm ansehen. „Als ich vorn am Rednerpult stand, kam mir die Denkpause, die ich brauchte, wie eine Ewigkeit vor. Und jetzt am Bildschirm sehe ich, dass ich mit einer noch längeren Pause sogar noch mehr Wirkung hätte erzielen können.“ Sprechpausen können ein unglaublich wirkungsvolles Mittel sein.

6. Halten Sie neutrales Füllmaterial bereit

Neutrale „Füller“ sind das Wundermittel jeder erfolgreichen Rede. Ein Zeitungsausschnitt, der zum Thema passt, sollte immer griffbereit in der Nähe liegen. Reißt dann der Film, holen Sie ihn her und sagen: „Übrigens, meine Damen und Herren, haben Sie gelesen, was kürzlich in der FAZ stand?“ Auch eine Overhead-Folie oder eine Powerpoint-Datei mit einem neutralen Zitat lässt sich an jeder Stelle des Vortrages elegant dazwischen schieben.
Fehler gehören zum Reden dazu und sind menschlich. Allerdings macht es auch Sinn, sich durch entsprechende Strategien auf Krisensituationen vorzubereiten. Umso sicherer wird man als Redner und umso mehr Spaß macht das Ganze!

Über den Autor: Gerhard Reichel, Institut für Rhetorik, Forchheim, hat sich in mehr als 30 Jahren einen exzellenten Ruf als Rhetorik-Trainer erarbeitet. Unternehmer, Politiker und Führungskräfte schätzen das Know-how und die Persönlichkeit des mehrfachen Buchautors und gefragten Referenten. www.gerhardreichel.de
Bild: © fotolia.com

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