LR Health & Beauty: Von der Vision eine weltweit führende Marke zu sein

Direct Selling   ●   Veröffentlicht von Netcoo Redaktion    ●   

„Wer Visonen hat, soll zum Arzt gehen.“ Das sagte schon Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt vor rund dreißig oder vierzig Jahren. So genau weiß er das nicht mehr. Es war aber seine pampige Antwort auf eine dusslige Frage.

Wie dem auch sei. Mit den großen Visionen ist das immer so eine Sache. Think big sagen auf jeden Fall die Amerikaner.

Das Ahlener Direktvertriebsunternehmen LR Health & Beauty Systems jedenfalls hat eine große Vision, zumindest der aktuell amtierende CEO Patrick Sostmann. Der will LR nämlich zu einer der führenden Marken im Direktvertrieb machen – weltweit selbstverständlich. So oder so ähnlich ist es zumindest derzeit zu lesen. Sostmann scheint also big zu denken.

Der Club der Milliarden-Konzerne spielt in einer anderen Liga
Das klingt neben einer großen Vision nach einem großen Stück Arbeit. Keine Frage, im deutschsprachigen Direktvertrieb bzw. im sogenannten Network Marketing dürfte LR die Nr. 1 sein. Mit einem Umsatz von rund 228 Mio. Euro. Allerdings ist es an der Spitze nicht ganz so einsam, wie es sich die LR-Führung so gerne wünscht. Denn das Familienunternehmen PM-International aus Speyer ist LR schon lange auf der Spur. Und im internationalen Ranking der Direct Selling News (DSN) dürfte LR den Fitline-Atem der PM schon förmlich riechen. Denn nur noch 3 Plätze trennen PM (43) von LR (40). Aber wenn man eine weltweit führende Marke im Direktvertrieb werden möchte, dann muss man eben noch 40 andere überholen oder zumindest kräftig aufschließen. Und das bedarf schon einer gewaltigen Anstrengung. Denn im Club der Milliarden-Konzerne wird in einer ganz anderen Liga gespielt. Hier ein paar Fakten:

Auf Platz 13, und damit die erste Umsatzmilliarde im DSN Ranking 2014, liegt Telecom Plus mit über 1. Mrd. US-Dollar Umsatz und an der Spitze steht unangefochten der Platzhirsch Amway mit rund 11.8 Mrd. US-Dollar, gefolgt von Avon (9.95 Mrd. US-Dollar). Amway, dass ist überhaupt der Maßstab im Direktvertrieb. Quasi die Mutter aller Network Marketing Unternehmen. Viele wären gerne so wie Amway. Amway wurde oft kopiert aber nie erreicht. Amway war auch für die damaligen LR Gründer Spikker und Hickmann ein Vorbild.

OK, einiges bei LR erinnert (schon) noch an Amway. Der Marketingplan zum Beispiel, wenn auch nicht im Detail. Aber bei der Gründung des Unternehmens 1985 hat (Hick)man(n) sich daran orientiert und einiges verbessert. Natürlich zum Vorteil der LR-Berater. Das allerdings ist auch schon 30 Jahre her. Und in 30 Jahren ist natürlich viel passiert.

Potential da – aber von einem Milliardenkonzern meilenweit entfernt
Vom eigentümergeführten Unternehmen wandelte sich LR zu einem Investoren geführten Unternehmen. Und Investoren legen bekanntlich neben Umsatz viel Wert auf die Rendite. In den letzten Jahren ist der Umsatz zwar gestiegen, die Rendite passte, aber im 2014 allerdings gab es eine kleine Umsatz-Delle von rund 7 Mio. Euro. Ein unerwarteter Rückgang. Das belegen zumindest die offiziellen Zahlen. Aber von einem Milliardenkonzern ist LR meilenweit entfernt. Und es ist die große Frage, wie das Unternehmen in diese Region überhaupt vorstoßen kann. Denn, um eine anerkannte weltweit führende Marke im Direktvertrieb zu werden, muss LR in diese Milliarden-Umsatzregionen aufsteigen. Ansonsten bleibt das Unternehmen eine regionale Marke. Zumal rund die Hälfte des Umsatzes aus Deutschland oder den deutschsprachigen Märkten stammen.

Das Potential hätte das Unternehmen. Aber dazu bedarf es neben einem internationalen, erfahrenen Management auch voll motivierte Top-Führungskräfte, die kräftig mitziehen. Bei einigen scheint das aber nicht mehr ganz so der Fall zu sein. Nach dem man 2008 seinen Nr. 1 Berater Liebig fristlos gekündigt hat, andere zur NWA oder anderen Unternehmen wechselten, klagt der heutige Top-Berater Ilhan Dogan gegen sein Partnerunternehmen (wir berichteten). Und andere – so zumindest ist es in Gesprächen zu hören- sind richtig unzufrieden.

Dabei war LR in der Vergangenheit mit vielen seiner Führungskräften ein Herz und eine Seele. Na gut, nicht immer: Vieles drang in der Vergangenheit eben auch nicht nach außen. Aber noch in der Vergangenheit hatte LR ihren Orgaleitern einen ganz besonderen Vertrauensbeweis entgegengebracht: LR verzichtete vertraglich auf das ordentliche Kündigungsrecht. Die Orgaleiter waren, wenn sie keine schwerwiegenden Verstöße begingen, unkündbar. Ein großer Vorteil im LR-Geschäft. Viele Orgaleiter liebten deswegen ihre Company – über alles.

Nachteilige Vertragsklauseln
Doch mit der Großzügigkeit hat es nun auch bei LR ein Ende. So heißt es bei mlmrecht.de: „Seit mehreren Jahren wird neuen Führungskräften der Kündigungsverzicht nicht mehr gewährt. Mehr noch: Zum Teil wird die Gunst der Stunde von LR genutzt, langjährigen Führungskräften, deren ursprünglicher Vertrag ein Kündigungsverzicht enthält, einen neuen Vertrag ohne Kündigungsverzicht unterzujubeln. Jede Führungskraft, der von LR ein neuer Vertrag vorgelegt wird, sollte daher hellhörig werden. Denn LR verzichtet nicht nur auf den Kündigungsverzicht, sondern auch darauf, die Führungskräfte darüber aufzuklären, dass die Unkündbarkeit mit dem neuen Vertrag nicht mehr gilt. Der Vertrag ist dann auch so formuliert, dass ein juristischer Laie nicht sofort darauf kommt, worum es geht. So heißt es im letzten Absatz unter „Schlussbestimmungen“ dann im juristischen Kauderwelsch „Es wird klargestellt, dass dieser Vertrag die Anwendbarkeit des § 89 HGB nicht berührt.“ Auf Deutsch: Der Orgaleiter kann jederzeit unter Einhaltung der in § 89 HGB bestimmten Fristen, die abhängig von der Vertragsdauer sind, von LR gekündigt werden. Einziger Vorteil ist in diesem Zusammenhang, dass der Orgaleiter vertraglich weiterhin als Handelsvertreter eingeordnet wird, so dass ihm im Falle der ordentlichen Kündigung durch LR ein Ausgleichsanspruch gegen LR zusteht.

„Die „neuen“ Orgaleiterverträge enthalten aber noch zahlreiche weitere nachteilige Regelungen bzw. Folgen: Der Orgaleiter darf seine Struktur, im Gegensatz zu früher, nicht mehr verkaufen, die „Renten“-Regelung (Teil-Provision trotz Inaktivität) wurde gestrichen und LR ist nicht mehr verpflichtet, seine Orgaleiter „bestmöglich“ zu unterstützen. Für Ärger sorgen dürfte auch eine neue Klausel, die ebenfalls in den Schlussbestimmungen des neuen Vertrages versteckt ist: Danach ist LR berechtigt, den Orgaleitervertrag an ein mit ihr verbundenes Unternehmen zu übertragen, ohne dass der Orgaleiter ein Mitspracherecht hat. In der Konsequenz bedeutet das, dass LR den Vertrag ohne Weiteres auf eine Tochtergesellschaft im Ausland übertagen darf. Für LR ist es also rechtlich möglich, einen Orgaleitervertrag auf ihre albanische, ukrainische oder tschechische Tochterfirma zu übertragen, ohne dass der Orgaleiter um Zustimmung gebeten werden muss oder widersprechen kann. Für den Fall der Kündigung durch LR hätte dies auch Folgen für den Ausgleichsanspruch: Der Orgaleiter müsste die LR Firma im Ausland verklagen, ohne zu wissen, ob diese am Ende in der Lage sein wird, die entsprechenden Zahlungen zu leisten.

Derzeit wird von der Kanzlei Schulenberg und Schenk aus Hamburg der Fall Ilhan Dogan betreut, in dem die Tochtergesellschaft im Ausland wegen des geringen Umsatzes nicht einmal in der Lage ist, die monatlichen Provisionen der Top-Führungskraft, deren Vertrag ohne ihre Zustimmung ins Ausland übertragen wurde, aus eigenen Mitteln zu bezahlen. Man ist vielmehr auf den „good will“ von LR Deutschland angewiesen, dass die Provisionen monatlich an die Tochter überwiesen werden. Ein rechtlicher Anspruch darauf besteht allerdings nicht. Nach Auffassung von Schulenberg & Schenk handelt es sich bei dieser Übertragungsklausel um eine unzulässige Benachteiligung des Orgaleitervertrages, die aus diesem Grunde nicht zulässig ist. Diese und andere Fragen werden derzeit vor dem Landgericht Münster verhandelt.

Wenn dies tatsächlich den Tatsachen entspricht, dann wäre das ein starkes Stück. Wieso macht man so was? Eine offizielle Erklärung dazu gibt es nicht. Vielleicht sollte LR CEO Sostmann dann besser erstmal seine Orgaleiter-Verträge neu überabeiten lassen, bevor er mit seinen Visionen öffentlich haussieren geht. Denn nur mit einer voll motivierten Berater- und Führungsmannschaft wird er seine große Vision von einer weltweit führenden Direktvertriebsmarke vielleicht erreichen können.

Im Direktvertrieb, und das ist eine alte Binsenweisheit, gewinnt keiner alleine – nur im Team kann etwas ganz Großes entstehen. Dazu gehört auch der besondere Spirit den andere Milliarden-Unternehmen wie Amway, Herbalife und Mary Kay Cosmetics schon seit langer Zeit versprühen.

Bild: © bluedesign – fotolia.com

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