Neues aus Münchhausen oder Presseinformationen von LR?

Archiv   ●   Veröffentlicht von Netcoo Redaktion    ●   

LR Health & Beauty Systems und die Fachpresse – Das allein ist schon ein Thema für sich. Seit Monaten wird die Netcoo-Redaktion vom Flaggschiff des deutschen Networks quasi boykottiert. Offenbar haben wir in den Augen der LR-Geschäftsführung einfach zu viele unbequeme Wahrheiten ausgebuddelt. Einige andere Medien, die drucken wohl schon eher das was LR am liebsten liest, stehen hingegen gut im Kurs. Schönes Beispiel: Die Berichterstattung infolge einer Pressekonferenz, die LR am 3. Februar zum Thema „Historischer Umsatzrekord“ in Ahlen abhielt. Dem Ruf zum Pressestelldichein folgten diverse Lokaljournalisten von „Die Glocke“ und der „Ahlener Zeitung“. Aber auch überregionale Medienvertreter, darunter von den „Westfälischen Nachrichten“ oder „Radio WAF“. LR-Geschäftsführer Dr. Jens Abend, Tilo Plöger und Andreas Rutsch waren die Gastgeber und überreichten eine Pressemitteilung aus der Feder von Stefan Gruchot, einem Ex-Bildzeitungsjournalisten und LR-„Head of Corporate Communications“. Dem neuen Leiter der LR-Presseabteilung.

Wurde Gruchot etwa der allseits bekannten PR-Frau Maria Brinkmann quasi vor die Nase gesetzt? Nun, nach all dem PR-Desaster ( Prozesse Dogan, Liebig etc.) des vergangenen Jahres dürfte Brinkmann wohl nicht mehr viel an PR zu vermelden haben, vermutlich aber weiterhin (gut bezahlt?) an ihrem LR-Schreibtisch sitzen.

Netcoo musste in der Vergangenheit viel Schelte von LR-Beratern und Beraterinnen einstecken, die vieles nicht glauben wollten, was wir so aufgedeckt haben oder gar in den Gerichtsprozessen zum Vorschein kam. Viele glauben immer noch nicht an die von uns aufgedeckten Vorgänge – daran können wir aber nichts ändern. Journalismus ist aber keine Frage des Glaubens, sondern von belegbarem Wissen und Recherche. Das gilt selbstverständlich auch für Pressemitteilungen, die von uns zunächst einem Faktencheck unterzogen werden. Bevor wir weiterverbreiten, was Unternehmen unserer Redaktion vorlegen, prüfen wir diese.

Und genau das haben wir auch mit der aktuellen LR-Pressemitteilung vom 3. Februar getan. Um den Lesern und Leserinnen aufzuzeigen, wie so etwas aussieht, nehmen wir nachfolgende Passagen aus der aktuellen Presseinformation unter die Lupe:

So behauptet LR Health & Beauty Systems in der Pressemitteilung zum Beispiel: „Das Unternehmen aus Ahlen steigerte seinen Netto-Umsatz um knapp 10 Prozent auf 206 Millionen Euro (entspricht 371 Mio. Euro Außenumsatz) und baute damit seine Spitzenposition als Marktführer für den Direktvertrieb von Gesundheits- und Schönheitsprodukten in Deutschland eindrucksvoll aus.“

Nun von der Struktur und vom Vergütungssystem her ähnelt LR doch wohl eher einem Network Marketing Unternehmen als einem klassischen Direktvertriebsunternehmen. Also eine Sonderform des Direktvertriebs. Ein Direktvertrieb kann nämlich sowohl den personengestützten Vertrieb umfassen, als auch / oder ein Vertrieb über ein reines Katalog- oder Telefonmarketing. Auch ein Online Vertrieb wie Amazon oder Dell (ist übrigens das weltgrößte Direktvertriebsunternehmen) ist ein Direktvertrieb, ebenso wie die TV-Verkaufssender QVC oder Home Shopping Europe.

Auch vom Umsatz her, ist LR nicht Marktführer im Direktvertriebsbereich. Selbst bei einem Umsatz von über 206 Mio. Euro entfallen schließlich nicht 100% der Umsätze allein auf Deutschland. LR ist nach eigenen Angaben schließlich in 30 Ländern der Welt tätig. In den Umsatz von LR dürften auch die Umsätze mit den Tochtergesellschaften eingerechnet sein. LR-Tochtergesellschaften kaufen nämlich bei LR zu einem weit verminderten Berater-Einkaufspreis ein. Doch das nur am Rande.

Den angegebenen Jahresumsatz von 206 Millionen Euro auf die einzelnen LR-Länder runtergerechnet, würde bedeuten, dass jedes Land durchschnittlich ca. 6,8 Mio. Euro, ca. 570.000 Euro pro Monat Umsatz macht.

Doch das wäre an dieser Stelle natürlich zu einfach gerechnet, die Ländern entwickeln sich unterschiedlich: In der Vergangenheit hatte LR ein Umsatzverhältnis vom Inland zum Ausland von ca. 55% zu 45%. Das würde in diesem Fall bedeuten, das LR in Deutschland einen Umsatz von vielleicht 110 Mio. Euro erzielt.

Klassische Direktvertriebsunternehmen wie Avon (ca. 170 Mio. Euro in 2008 und über 200 Mio. Euro in 2007) oder Yves Rocher (192 Mio. Euro in 2008) oder andere Direktvertriebe liegen in Deutschland bei einem höheren Umsatz. Der Satz von LR „….baute damit seine Spitzenposition als Marktführer für den Direktvertrieb von Gesundheits- und Schönheitsprodukten in Deutschland eindrucksvoll aus….“ könnte daher wohl abmahnfähig sein.

Die nächste für gut verkaufte Nachricht ist, LR hätte eine knapp 10-prozentige Umsatzsteigerung realisiert. So weit, so gut. In wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen Menschen Angst vor Jobverlust haben, ist das Umfeld perfekt, um neue Berater zu sponsern mit dem Hinweis, ein zweites Standbein bedeute mehr Sicherheit.

Natürlich: LR hat, wenn man den Zahlen glauben darf (Anmerkung der Redaktion: die Bilanzen sind noch nicht offiziell veröffentlicht), fantastische Umsatzzuwächse hingelegt. Albanien 109 %, Bulgarien 150 %, Italien 42 %, Australien 31 % um nur ein paar Knaller zu nennen. Leider schreibt niemand, was die Basis dieser Angaben ist. Das nun macht die Zahlen dann eher unbedeutend.

Es sei denn, wir wollen die Frage näher betrachten, warum bei all diesen Knaller-Ergebnissen Deutschland nur 7 % auf die Vorjahresergebnisse drauf packt? Wo Deutschland doch der größte Network Marketing Markt in Europa ist.

Wer hatte die Idee Polokonzept?

Als Triebfeder für den Erfolg stellt die Pressemitteilung den LR CEO Dr. Abend in den Vordergrund, der seinen Vorgängern Nigel Mould und Helmut Spikker (LR-Gründer) mangelnde Visionen und Richtungsvorgaben vorwirft. Er selber habe das Unternehmen erst in den letzten „drei Jahren erfolgreich auf Kurs“ gebracht.

Glaubt man LR-internen Stimmen, soll die einzige elementare, wirklich zündende Maßnahme eines Dr. Abend gewesen sein, dass er das Polo-Konzept auf den Weg brachte. Dieses Konzept stammt allerdings nicht von Dr. Abend, sondern ist die Idee des LR-Top-Leaders Fernando Fasini und hat jahrelang bei Mould und Abend auf Desinteresse gestoßen. Bis Manfred Wagner, Managing Director Central Europe, sich dafür stark machte. Der Applaus müsste, wenn schon, dann einem Fernando Fasini gelten. Ein Umstand, den Dr. Abend beim LR-Inhaber, dem Investmentfonds Apax Partners in München, vielleicht vergaß zu erwähnen?

Besonders spannend ist natürlich auch die Stelle der Pressemitteilung, in der berichtet wird, dass mit Bulgarien und Rumänien neue Märkte für LR eröffnet wurden. Hatten wir doch erst ein paar Zeilen zuvor gelesen, dass Bulgarien eine Umsatzsteigerung von 150 % hatte, heißt es nun, Zitat: „Mit Bulgarien und Rumänien hat die LR Health & Beauty Systems neue Märkte eröffnet“. Ja was denn nun? Umsatzsteigerung um 150 % oder Neueröffnung des Marktes?

Doch auch hier kann man der PR-Abend-Mannschaft vielleicht auf die Sprünge helfen: die Länder Rumänien und Bulgarien waren eigentlich schon mal geöffnet, Rumänien wurde in den vergangenen Jahren nämlich von einem rumänischen Kooperationspartner betrieben und war in das LR-System eingebettet. LR-Bulgarien war zumindest in den Jahren 2000 und 2001 aktiv, jedoch eher mit sehr bescheidenen Umsätzen.

Aber LR feiert sich nicht nur selbst in der Pressemitteilung, sondern verteilt auch saftige Ohrfeigen. Eine davon bekam der altgediente Alesch Buksa ab, ein LR-Urgestein, der für die Märkte Tschechien, Slowakei und Ukraine viele Jahre verantwortlich war. Anfang der Neunziger Jahre erlebten diese Märkte eine wahre Umsatzexplosion. Die Mehrheitsanteile der Tochtergesellschaften an diesen Märkten sind offensichtlich von LR zurückgekauft worden, wodurch sich LR „ab 2010 zusätzliche Wachstumsimpulse“ verspricht. In anderen Worten: Wir rocken jetzt, wo ein Buksa seit Jahren auf den Händen saß?

Erstmal kam der Personalabbau

LR rühmt sich, man habe im Jahr 2009 am Standort Ahlen 81 neue Mitarbeiter eingestellt. Die Gesamtzahl der Mitarbeiter belaufe sich dort auf 512 (weltweit ca. 1.000). Es muss an sequenzieller Amnesie in den Köpfen der LR-Geschäftsleitung liegen, mit solchen Kamellen zu werfen. In Zeiten des Vorgängers von Abend, dem guten alten Nigel Mould, verfügte LR an die 600 Mitarbeiter in Ahlen. Was Mould seinerzeit gegenüber der Presse zum Prahlen veranlasste. Bedeutet: LR hatte massiv Personal abgebaut, nämlich mehr als 80 Mitarbeiter, stellt jetzt neu ein, und verkauft diese Neueinstellungen jetzt als tolle Leistung.

Als letztes Beispiel, woher der Wind bei LR weht, dient folgende Passage: LR rühmt sich, einen „Gewinn von mehr als 40 Millionen Euro“ für 2009 einzufahren. 7.000 Euro davon hätte man in 2009, das steht zwei Seiten weiter hinten, an den Sonderfond gegen Kinderarmut der evangelischen Kirchengemeinde Ahlen gespendet.

Nun, zumindest bei den Zahlen zu den Themen Gewinn und Spenden kann man davon ausgehen, dass Apax und LR hier richtig liegen. Satte 40 Mio. sind zwar nicht in die Taschen der Berater, die diesen Erfolg zu verantworten haben, dafür aber in die Taschen des Investmentfonds und der gewinnbeteiligten Geschäftsführung geflossen. Immerhin hat man aber auch etwas für den guten Zweck getan. Der Wichernkindergarten in Ahlen hat sensationelle 7.000 Euro bekommen. Damit kann dort nun drei Monate lang 30 hungrigen Kindern eine warme Mittagsmahlzeit auf den Tisch gestellt werden. Oder 50 Kindern, 56 Tage lang. Na immerhin.

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